NZSK >> Expertenmeinung >> Steuervorlage 17 - Effiziente Mittelbezüge aus Kapitalgesellschaften aus Aktionärssicht

Yusuf Savmaz, Credit Suisse (Schweiz)

Die Neuerungen im Zusammenhang mit der Steuervorlage 17 stellen die Steuerplanung vor komplexe Herausforderungen. Welche Vorkehrungen muss ein Aktionär einer Familien- bzw. einer Nicht-Familienunternehmung  treffen, damit er Unternehmensgewinne steueroptimal in sein Privatvermögen transferieren kann? Wie kann er mit Rücksicht auf seine aktienrechtlichen Pflichten die Vermögenssteuer reduzieren und zudem optimale Rahmenbedingungen für eine jederzeitige Beteiligungsübertragung schaffen?

Für den Aktionär stellt sich die Frage, mit welcher Bezugsstrategie er Überschussliquidität und den aktuellen Free Cashflow so steuergünstig wie möglich in sein Privatvermögen überführen kann. Zwei Strategien stehen im Vordergrund: die Thesaurierungs- und die Mittelbezugsstrategie. Bei Ersterer wird der erwirtschaftete Gewinn nicht ausgeschüttet. Der Fokus liegt auf einem steuerfreien Kapitalgewinn im Rahmen einer Anteilsveräusserung. Diese Strategie kommt selten zur Anwendung, weil der Käufer meist nicht bereit ist, eine Kapitalgesellschaft mit einem hohen Bestand an Überschussliquidität zu finanzieren. Ferner ergeben sich in solchen Fällen Probleme hinsichtlich  indirekter Teilliquidation (vgl. Art. 20a Abs. 1 lit. a DBG und Art. 7a Abs. 1 StHG). Ob die zinsbereinigte Gewinnsteuer im Rahmen der Steuervorlage 17 noch eine Chance hat und damit ein hoher Eigenkapitalbestand überhaupt steuerliche Vorteile bieten könnte, ist zumindest fraglich. Der Bundesrat sieht diese Massnahme in der Botschaft zum Bundesgesetz über die Steuervorlage 17 nicht vor. Die erstberatende Wirtschaftskommission des Ständerats (WAK-S) will den Abzug auf Eigenfinanzierung nur fakultativ für Hochsteuerkantone und deren Staats- und Gemeindesteuern ermöglichen. Profitieren könnte im aktuellen Umfeld der Kanton Zürich. Der Abzug soll zudem in die allgemeine Entlastungsbegrenzung integriert werden.

Thesaurierung versus Ausschüttung
Falls der operativ erwirtschaftete Gewinn nicht rentabel investiert werden kann und eine Schuldentilgung nicht zweckmässig ist, sollten nach dem Shareholder-Value-Ansatz die freien liquiden Mittel an die Aktionäre ausbezahlt werden. Dadurch wird verhindert, dass der Verwaltungsrat und/oder die Geschäftsleitung aufgrund der verfügbaren Mittel unrentable Investitionen anstreben oder eine der Firmenpolitik nicht entsprechende Akquisitionsstrategie einschlagen. Besteht ein organisierter Handel für die jeweiligen Beteiligungsrechte, veräussern oftmals kleinere oder kritische Aktionäre ihre Wertpapiere, wenn sie der Meinung sind, dass der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung nicht ausreichend auf die Gewinn- und Wertsteigerung zugunsten der Aktionäre fokussieren. Die konsequente Mittelbezugsstrategie lässt sich u.a. aus dem Dividendenanspruchsrecht nach Art. 660 OR und auch mit den Grundsätzen der Corporate Social Responsibility (CSR) rechtfertigen. Der CSR-Grundsatz verlangt vom Unternehmen ein ethisches Verhalten, das über die Erfüllung rechtlicher Pflichten hinausgeht und sich im Wesentlichen durch die Elemente («i») menschenrechtskonforme und umweltverträgliche Unternehmenstätigkeit sowie («ii») durch sozi-ales Engagement des Unternehmens auszeichnet. Dieser Gedanke wurde von Andreas Bohrer kurz und prägnant wie folgt zusammengefasst: «Doing what is right, not just what is legally necessary.»

In Bezug auf Mittelbezüge sollten Aktionäre folgende Schlüsselfragen klären:

  1. Ist eine Überschussliquidität gegeben?
  2. Verträgt sich eine strikte Mittelbezugsstrategie des Aktionärs mit dem Mittelbedarf der geplanten, zukünftigen Investitionen im Rahmen der Unternehmensstrategie und mit den Grundsätzen der Corporate Social Responsibilty?
  3. Bestehen klare Eigentumsverhältnisse hinsichtlich der Aktien der Kapitalgesellschaft? Allenfalls ist eine Due Diligence vor einem Mittelbezug notwendig. Ein sog. «Aktien-Clean-up» kann wichtig für die konsistente Verbriefung der Aktien in Aktientitel bzw. -zertifikate oder für die Schaffung von Bucheffekten sein. Klare Eigentumsverhältnisse setzen voraus, dass die Vorschriften der Arbeitsgruppe für finanzielle Massnahmen (GAFI) eingehalten sind.
  4. Besteht ein Erfordernis nach disproportionalen Dividendenausschüttungen, etwa weil die Statuten, ein Aktionärsbindungsvertrag oder Vorzugsaktien solche vorsehen?
  5. Bestehen Aktionärsdarlehen, die vorübergehend oder dauerhaft ganz oder teilweise zurückgeführt werden können bzw. sollen?
  6. Besteht die Möglichkeit, mittels Nennwertherabsetzungen bzw. Rückzahlung von Kapitaleinlagereserven steuerneutral Mittel an natürliche Personen, die ihre Aktien im Privatvermögen halten, zurückzuführen?
  7. Besteht ein Bedarf, eigene Aktien zurückzukaufen und so Mittel an einzelne Aktionäre oder an alle Aktionäre zurückzuführen?
  8. Gibt es spezielle Financial Covenants in den Finanzdokumentationen (z.B. Nettoverschuldungsgrad, Zinsdeckungsgrad etc.)?
  9. Welche Auswirkungen hat die Mittelrückführung an die Aktionäre auf das Kreditrating der Kapitalgesellschaft, falls Kreditfinanzierungen und Kreditlimiten vorhanden sind?
  10. Gibt es Möglichkeiten für eine Naturaldividende, etwa, indem bestehende (Noch-)Holding-, Domizil- oder gemischte Gesellschaften ihre Wertschriftendepots an den Aktionär ausschütten, sodass dieser den zukünftigen Kapitalgewinn auf den Anlagen steuerfrei vereinnahmen könnte?
  11. Ist eine sichere und rentable Anlagestrategie der Mittel, welche zum Aktionär fliessen, unter Beachtung seiner privaten Einkommens- und Vermögenssituation vorgesehen? Ziel ist es, dass der Aktionär die bezogenen Mittel effizienter anlegen kann, als es die Kapitalgesellschaft tun könnte.
  12. Gibt es eine Bel-Etage-1e-Lösung, um eine Bezugsstrategie in die gebundene Vorsorge vorzunehmen

 

Mindestliquidität
Als Mindestliquidität wird jener (Sicherheits-)Bestand an vorhandenen Zahlungsmitteln und nicht ausgenützten Kreditlimiten bei Banken bezeichnet, der nicht unterschritten werden sollte. In der Regel wird eine Mindestliquidität von 3 bis 5% des Jahresumsatzes als ausreichend angesehen (objektive Sichtweise). Wie hoch die Mindestliquidität eines Unternehmens jedoch ist, hängt in erster Linie vom Sicherheitsbedürfnis der betreffenden Unternehmensleitung und von der Liquiditätsintensität der Unternehmenstätigkeit ab (subjektive Sichtweise).

Überschussliquidität
Als Überschussliquidität gilt jener Bestand, welcher die Mindestliquidität (Sicherheitsbestand) übersteigt. Sie stammt aus dem Bilanzgewinn der vergangenen Geschäftsjahre. Im laufenden Geschäftsjahr bzw. für die zukünftigen Geschäftsjahre anfallende Überschussliquidität würde man auch als Free Cashflow bezeichnen.

Varianten des Mittelbezugs


 

 

1. Lohn/BVG
Im Umfeld der Steuervorlage 17 planen die Kantone, ihre kantonalen Gewinnsteuersätze zu senken. Erhöht eine Kapitalgesellschaft  den Lohn des Aktionärs auf über CHF 126'900, entsteht die Möglichkeit, neu eine 1e-Vorsorgelösung einzuführen. Mit einer Gehaltserhöhung erhöhen sich auch der Lohnaufwand und der Arbeitgeberbeitrag an die berufliche Vorsorge zugunsten eines mitarbeitenden Aktionärs, womit dieser langfristig betrachtet ebenfalls Mittel aus dem Unternehmen bezieht. Zudem entsteht eine Beitragslücke, die der mitarbeitende Aktionär durch weitere steuermindernde Einkäufe decken kann. In der gebundenen Vorsorge sind die Erträge von der Einkommenssteuer und Kapital von der Vermögenssteuer befreit.

Ferner führt der erhöhte Personalaufwand zu einem reduzierten Ertragswert, was sich im Vermögenssteuerwert des Unternehmens widerspiegelt. Pro CHF 10‘000 nachhaltiger Erhöhung des Lohnaufwandes ergibt sich eine jährliche Reduktion des Vermögenssteuerwerts um CHF 140‘000.

Gegenstand der Steuervorlage 17 ist auch die Erhöhung der Teilbesteuerungsquote von Gewinnausschüttungen auf Ebene des Aktionärs. Je höher die Teilbesteuerungsquote im Wohnsitzkanton des Aktionärs und je höher der Gewinnsteuersatz am Sitz der Gesellschaft ist, desto attraktiver kann ein erhöhter Lohnbezug gegenüber einem Dividendenbezug sein.

2. Dividende
Bezug der Überschussliquidität unter dem geltenden Recht. Zu den Dividendenausschüttungen gehören auch die anerkannten Formen der ausserordentlichen Ausschüttungen wie a.o. Dividende, Akontodividende etc. In diesem Zusammenhang wird auf die geplante Aktienrechtsrevision hingewiesen.

Ferner kann attraktiv sein, bestehende Wertschriftendepots einer (Noch-)Holding-, Domizil- oder gemischten Gesellschaft vor Inkrafttreten der Gesetzesänderung im Zuge der Steuervorlage 17 (und den erwarteten höheren Teilbesteuerungsquoten) als Naturaldividende an den Aktionär auszuschütten. Umso mehr, als im Privatvermögen erzielte Kapitalgewinne aus der Veräusserung von Wertschriften grundsätzlich steuerfrei sind.

Zu überprüfen ist auch, ob eine Holdinggesellschaft in ein Stammhaus umgewandelt oder eine Domizilgesellschaft liquidiert werden sollte. Durch die Schaffung einer Stammhausstruktur liesse sich u.U. die Vermögenssteuer des Aktionärs reduzieren. Darüber hinaus ist zu prüfen, ob der Aktionär seine Beteiligungen über eine persönliche Holdinggesellschaft halten soll.

3. Aktionärsdarlehen
Der Aktionär kann die unternehmerische Tätigkeit der Kapitalgesellschaft mittels Aktionärsdarlehen anstelle von Eigenkapital finanzieren. Reduziert sich der Finanzierungs- oder Liquiditätsbedarf zumindest teilweise – vorübergehend oder dauerhaft –, können die Mittel rasch zurückbezahlt werden; auch während des laufenden Geschäftsjahres. Dies kann auch ein Weg sein, um verschiedenen Aktionären ungeachtet ihrer Beteiligungsquote, sondern aufgrund ihrer Finanzierungsquote (unter Berücksichtigung der Darlehen), Mittel zurückzuführen. Hat die Kapitalgesellschaft zu einem späteren Zeitpunkt einen gerechtfertigten, erneuten Kapitalbedarf, können erneut Aktionärsdarlehen zeitnah gewährt werden.

4. Rückkauf eigener Aktien
Eine Kapitalgesellschaft kann eigene Aktien aus den verschiedensten Gründen zurückkaufen:
Um einen bisherigen Aktionär «auszukaufen», um Beteiligungsrechte für einen Mitarbeiterbeteiligungsplan bereitzustellen, für Wandel- oder Optionsanleihen sowie als Akquisitionswährung. Dabei gilt es folgende Grundsätze zu beachten:

  • Erwirbt eine Kapitalgesellschaft eigene Aktien zwecks Vernichtung der Titel und Herabsetzung des diesbezüglichen Nennwerts, erhöht sich die Eigenkapitalrendite des jeweiligen Titels.
  • Verkaufen nur einzelne Aktionäre die Anteile an die Kapitalgesellschaft, führt diese die Mittel asymmetrisch zurück.
  • Macht sie ein Rückkaufangebot an alle und gibt dazu Put-Optionen als Rückgaberechte aus, berücksichtigt sie das Gleichbehandlungsgebot und ermöglicht auch Aktionären, die ihre Aktien im Privatvermögen halten, an einem Aktienrückkauf zu partizipieren.
  • Kauft eine Kapitalgesellschaft eigene Aktien mit dem Ziel, diese möglichst gewinnbringend innert der steuerlich zulässigen Frist wieder zu veräussern, führt sie nicht nur Mittel an die Aktionäre zurück, sondern macht ein Investment in sich selbst resp. kann diese Aktien allenfalls im Rahmen einer Unternehmensübernahme gegen Aktien der zu übernehmenden Gesellschaft tauschen.

5. Rückzahlung von Kapitaleinlagereserven oder von Nennwert
Im Rahmen der Steuervorlage 17 wird erneut diskutiert, die Möglichkeit der Rückzahlung von Kapitaleinlagereserven  einzuschränken. Die WAK Ständerat befürwortet die Einführung des Proportionalitätsprinzips, wonach die Kapitaleinlagereserven rückzahlende Kapitalgesellschaft gleichzeitig auch die Gewinnausschüttungen machen soll. In welchem Verhältnis – etwa 2:1 oder 1:1 – steht noch zur Diskussion. Es empfiehlt sich, den Bezug der Kapitaleinlagereserven mit erster Priorität zu prüfen und zu planen.

Die Nennwertrückzahlung kann jederzeit geprüft und unter Beachtung der Aktienrechtsrevi-sion umgesetzt werden. Diese Rückzahlung ist beim Bund und in der Regel bei den Kantonen steuerfrei.

6. Gratisaktien/Gratisnennwerterhöhung
Unter Gratisaktien sind aus Mitteln der Gesellschaft liberierte Aktien zu verstehen. Falls der Aktionär nicht über genügend liquide Mittel verfügt, kann er auf diesem Weg seinen Aktienanteil an der Firma erhöhen. Es handelt sich somit auch um eine Art «Mittelbezugselement».  Ebenso kann der Nennwert aller bestehenden Beteiligungsrechte durch Liberierung aus Mitteln der Gesellschaft erhöht werden. Je nach Wohnsitzkanton wird der so begründete Gratisnennwert nur auf Ebene der direkten Bundessteuer besteuert.

Die Verschiebung des nicht betriebsnotwendigen Vermögens bzw. der Überschussliquidität zum Aktionär reduziert den Grad der Abhängigkeit des Unternehmers von seiner Firma und gibt ihm die finanzielle und rechtliche Freiheit, seine Vermögenswerte auf unterschiedliche Anlageklassen zu verteilen, und zwar getreu dem Grundsatz: «Geld allein macht nicht glücklich, es gehören auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu.»  Das Konzept der Diversifikation beruht auf dem Konzept der modernen Portfoliotheorie des Nobelpreisträgers Markowitz, nach welchem «niemals alle Eier in denselben Korb gelegt werden sollen». Die Diversifikation ist die wichtigste Grundregel in der Vermögensanlage. Sie besagt, dass das Vermögen auf verschiedene Anlageklassen verteilt werden soll, damit das Risiko im Portfolio reduziert wird. Obwohl jeder Unternehmer die Grundre-gel kennt, ist den meisten deren Wichtigkeit viel zu wenig bewusst. Sie halten in ihrem Vermögen oft grosse Klumpenrisiken durch ihre Beteiligungen und den thesaurierten Unternehmensgewinnen. Es ist wichtig, dass man die Diversifikation des liquiden und illiquiden Vermögens methodisch richtig angeht. Für die Neustrukturierung des Vermögens sowie die laufende Überwachung sollte ein Experte beigezogen werden, um das persönliche Risiko-Rendite-Profil des Aktionärs zu definieren. Durch die Beimischung von tief korrelierten Anlageklassen, wie bspw. Immobilien, kann das Portfoliorisiko reduziert werden.

Risiko-Rendite-Profil

In der Finanzliteratur bezeichnet man die Diversifikationsvorteile im Portfoliokontext als «the only free lunch» in den Märkten. Die verschiedenen Mittelbezugselemente sollten zum Vorteil des Unternehmers genutzt sowie im Rahmen des Beratungsprozesses die gesamte Steuersituation analysiert und eine zeitnahe und möglichst steuerneutrale Überführung der Überschussliquidität ins Privatvermögen geprüft werden. Die Gesamtstrategie des Aktionärs (Nachfolgeregelung etc.) muss dabei stets mitberücksichtigt bleiben.

Treffen Sie Yusuf Savmaz anlässlich der NZSK 2018.